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Eric Bogosian

Eric Bogosian

Obwohl die Familie Bogosian die Vergangenheit sorgfältig unter Verschluss hielt, ließen die Ereignisse der Jahre 1915-1923 Eric nicht los. Er gibt zu, dass Detektivarbeit und das Aufdecken von Geheimnissen eine gewisse Faszination auf ihn ausüben.
Am besten kennt man den weltbekannten Schauspieler und Aktionskünstler Eric Bogosian wohl für seine wiederkehrende Rolle als Captain Daniel Ross in der erfolgreichen amerikanischen Krimiserie „Law & Order: Criminal Intent“. Außerdem hat er sechs Theaterstücke geschrieben und in vielen davon selbst mitgespielt, darunter „Talk Radio“ und „subUrbia“. Geboren wurde er in Boston im US-Bundesstaat Massachusetts, seine Kindheit verbrachte er jedoch in der 14 Kilometer entfernten Kleinstadt Woburn. Dort machte er seinen Abschluss an der Highschool, bevor er sein Studium am Oberlin College in Ohio aufnahm. 
 
Mit seinem Diplom in der Tasche zog er nach New York City, wo er einen Job an der freien Bühne The Kitchen im Stadtteil SoHo fand. So machte er die Bekanntschaft vieler bildender Künstler, Komponisten und Choreografen, die sein Denken beeinflussten. Bald darauf verfasste er seine ersten „Stücke“, die sich teils der Aktionskunst, teils dem Theater zuordnen lassen. 1982 wurde er von Joe Papp entdeckt, der von da an seine Arbeit am Public Theater produzierte. Fünf Jahre später schrieb er „Talk Radio“ und wirkte in der Aufführung am Public Theater selbst mit, wo Papp ihn dem Produzenten Ed Pressman vorstellte. Dieser lud Oliver Stone zur Mitarbeit ein.
 
Eric Bogosian ist seit 35 Jahren mit der Theaterregisseurin Jo Bonney verheiratet. Gemeinsam mit ihren beiden Kindern leben sie in New York City.

 

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Eric Bogosian

Eric Bogosian führt ein unabhängiges Leben und geht sehr in seiner Arbeit auf. „Ich spiele Poker, Texas Hold ‘Em. Ich lese. Ich beobachte Vögel. Ich verbringe viel Zeit im Norden von New Jersey, wo ich ein Haus besitze. Bis zur Veröffentlichung meines Buches ‚Operation Nemesis‘ dieses Frühjahr hätte ich meine Arbeit am Theater als meine größte Leistung bezeichnet.“
 
„Operation Nemesis“ erzählt die Geschichte einer Gruppe von Armeniern, der es gelingt, die meisten hochrangigen Politiker der jungtürkischen Führung aufzuspüren, die verantwortlich sind für den Völkermord, in dessen Verlauf anderthalb Millionen Armenier im Osmanischen Reich vernichtet wurden. Diesen Anführern des jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt wurde nach der Niederlage der Osmanen im Ersten Weltkrieg in Konstantinopel der Prozess gemacht, doch konnten sie sich durch Flucht nach Deutschland, Russland und in andere Länder den Todesurteilen entziehen. Die an der Planung der Vergeltungsmaßnahmen beteiligten Armenier nannten ihre Operation „Nemesis“, nach der griechischen Göttin des gerechten Zorns. Erwähnenswert ist an dieser Stelle der Freispruch von Soghoman Tehlirian durch ein deutsches Gericht, der im Herzen Berlins Talât Pascha erschoss. Als osmanischer Innenminister war dieser einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern.
 

Die Großeltern Bogosians überlebten den Völkermord. 

„Ich weiß um die sogenannten ‚Retter‘ in meiner Familie. Meine beiden Großväter waren Diakone in der Armenischen Kirche. Mein Großvater Megerdich entkam dem Völkermord, über das „Wie“ weiß ich jedoch nichts. Er rettete auch seine Mutter, nachdem man seinen Vater getötet hatte. Sie verbrachte den Rest ihres Lebens bei ihm in Watertown im US-Bundesstaat Massachusetts. Englisch sprach sie nicht. Über den langen Weg meines Großvaters in die Vereinigten Staaten weiß ich nur, dass er ihn 1915 durch das französische Le Havre führte. Ich nehme an, dass er von dort zusammen mit seiner Mutter an Bord eines Dampfschiffes weiterreiste. Sie stammen aus Kharperd, dem heutigen Elazig in der Osttürkei. Im bereits erwähnten Watertown ließen sich beide schließlich nieder. Großvater wurde kurz darauf zur Armee eingezogen, doch mehr als seinen Grundwehrdienst absolvierte er meines Wissens nicht. Nach Ende des Krieges fand er Arbeit bei den öffentlichen Nahverkehrsbetrieben der Stadt Boston.“

Foto: Kharberd, am oberen Bildrand sieht man die Euphrat-Hochschule.

Wie auch in vielen anderen armenischen Familien sprach man bei den Bogosians zu Hause kaum über die schrecklichen Ereignisse. 

„Gewöhnlich spricht man in meiner Familie nicht über den Völkermord, über das, was damals im Osmanischen Reich geschah. Sie halten dies für negatives Denken. Und obwohl mein Geburtstag am 24. April ist, dem Völkermordgedenktag, dem Tag, an dem 1915 hunderte armenische Intellektuelle und führende Personen der Gemeinde von den Osmanen verhaftet und schließlich getötet oder auf Todesmärsche in die Syrische Wüste geschickt wurden, schwieg man bei mir zu Hause über diese Ereignisse. Nie deutete jemand aus meiner Familie auch nur an, dass es sich dabei um einen besonderen Tag handele. Als ich Schauspieler wurde, wollte ich nicht von meiner armenischen Identität definiert oder als ‚ethnischer‘ Schauspieler gesehen werden.“
 
Dies hielt Eric Bogosian jedoch nicht davon ab, mehr über die tragischen Vorgänge in Erfahrung zu bringen, die das Schicksal seiner Vorfahren verändern sollten. „Zum ersten Mal hörte ich von Megerdichs Erlebnissen im Osmanischen Reich, als ich noch sehr jung war, im Alter von ungefähr vier Jahren. Mit dem Völkermord beschäftige ich mich schon mein ganzes Leben, in den letzten zehn Jahren jedoch besonders intensiv. […] Leider besitzen wir keine Erinnerungsgegenstände aus Kharperd, unserer Heimat im alten Land.“
 
Obwohl die Familie Bogosian die Vergangenheit sorgfältig unter Verschluss hielt, ließen die Ereignisse der Jahre 1915-1923 Eric nicht los. Er gibt zu, dass Detektivarbeit und das Aufdecken von Geheimnissen eine gewisse Faszination auf ihn ausüben: „Natürlich weckte die Geschichte meiner Familie angesichts des Völkermordes großes Interesse bei mir. Ganz offensichtlich hat dies meine Arbeit der letzten zehn Jahre in eine bestimmte Richtung gelenkt und zur Entstehung von ‚Operation Nemesis‘ geführt. In dem Buch verarbeite ich in konzentrierter Form all das, was ich darüber in Erfahrung bringen konnte. […] Meine Faszination am noch Unerforschten ist groß, auch der Wunsch herauszufinden, wie sich alles zutrug, ähnlich meiner Arbeit als Polizeibeamter in ‚Criminal Intent‘, die ihr Übriges dazu tut: Dies alles steht natürlich in Verbindung zu den Ereignissen von damals.
 
 
Die Geschichte wurde vom Forschungsteam der Initiative 100 LIVES verifiziert.
 
Wir danken Vahe Hayk für das Archivfoto
Kharberd and her Golden Plain: Memorial and National Historical Industrial and Ethnological Memorial Book. New York, Kharberd Armenian Patriotic Union, 1959.