Hratch Kaprielian

Hratch Kaprielian

Hratch Kaprielian ist Juwelier und Geschäftsführer des Schweizer Uhrenherstellers Franck Muller mit Sitz in New York, USA. Seit dreißig Jahren unterstützt er Armenien durch diverse wohltätige Projekte. Einer breiteren Öffentlichkeit ist Kaprielian als Präsident des FC Ararat bekannt geworden. 
 

Wenn Hratch Kaprielian als seinen Geburtsort Konstantinopel nennt, halb trotzig und halb süffisant, so spiegelt das die vielen Gesichter dieser einzigartigen Stadt. Aber auch den Stolz einer Familie, deren Überlieferung bis ins Mittelalter zurückreicht. Kaprielian hütet ein historisches Vermächtnis. Es ist ein schweres Vermächtnis, das ihn zugleich antreibt und bedrückt. 

Dabei wirkt er so gar nicht wie ein Stubengelehrter. Er gibt sich kämpferisch und impulsiv; mehr Tatmensch als Wortmensch. Hratch bedeutet Feuerauge – es ist ein heidnischer Name, und ein Omen dazu. Etwas lodert in ihm. 

Doch das ist nur die eine Seite, die sprichwörtliche raue Schale. Innerlich treiben ihn komplizierte Fragen um, Fragen nach Recht und Unrecht etwa, nach Verantwortung und Mitgefühl. Als ein Prototyp des amerikanischen selfmade-man könnte er sich zufrieden ausruhen auf dem Sockel des Erreichten. Und doch ist er ein Suchender geblieben. 

 

                                             Die Eltern mit dem kleinen Hratch, Mitte der fünfziger Jahre

Beides, die Kämpfernatur wie die innere Unruhe, war schon in der Kindheit angelegt. 1953 kam er in Kumkapi zur Welt, einem der armenisch geprägten Stadtteile von Istanbul. „Als Kinder spielten wir mit den Jungs aus der Nachbarschaft. Wir waren armenische Soldaten, sie türkische. Mal haben sie uns vermöbelt und mal wir sie. Wir waren natürlich weniger.“  

Als die Eltern sich scheiden ließen, verunsicherte ihn dies sehr. „Das war damals noch unerhört; plötzlich wurde ich nicht mehr in andere Familien eingeladen.“ Hinzu kam eine frühe Politisierung: „Fast alle jungen Leute orientierten sich an den Kommunisten oder Sozialisten. Gleichheit, Frieden, Gerechtigkeit – das waren hohe Werte.“ 

Gold und Geschmeide

Sein Großvater mütterlicherseits, im bulgarischen Varna zur Welt gekommen, war Goldschmied. „Jirayr war ein kräftiger Mann, dabei feinfühlig und anständig“, erinnert sich Hratch. „Die Leute haben ihm ihr Gold anvertraut. Er hat es eingeschmolzen, gereinigt, weiterverarbeitet.“ Auch sein Vater Geghmes war in diesem Gewerbe tätig, und so wuchs Hratch mit edlen Metallen und Steinen auf. Schon mit dreizehn verkaufte er, von Haus zu Haus ziehend, Bijouterien und Amulette. 

Mit achtzehn ging er nach Amerika, wo er bei seinen Großeltern Jirayr und Agavni unterkam, die ebenso nach New Jersey gezogen waren wie Minas, ein Cousin seines Vaters. „Mit dreiundzwanzig habe ich mich selbständig gemacht, erst als Steinsetzer für Diamanten, später auch als Schmuckhersteller. Mit dreißig hatte ich meine erste Million.“ 

1989 reiste er nach Armenien. „Das war kurz nach dem Erdbeben; wir wollten helfen.“ Seither hat er zahlreiche Hilfsprojekte unterstützt, und inzwischen kümmert er sich auch um fünfzig Patenkinder. Gemeinsam mit Geschäftspartnern betreibt er eine Bank, ein Bauunternehmen sowie Land- und Viehwirtschaft in Armenien und auch in Karabach. Einer breiteren Öffentlichkeit ist Kaprielian als Präsident des FC Ararat bekannt geworden. Ob dessen glorreiche Tage noch einmal wiederkehren? „Vor einigen Jahren traf ich einmal Herrn Beckenbauer“, berichtet er. „Er hatte Jerewan in guter Erinnerung. Im Viertelfinale des Europapokals haben wir 1975 in München 0:2 verloren, zu Hause dann 1:0 gewonnen.“

 

            Hratch Kaprielian (Mitte, 5. v. l.) mit der Mannschaft und den Betreuern des FC Ararat 

In die Türkei ist Hratch Nerses Kaprielian nie zurückgekehrt, 45 lange Jahre nicht. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich meine Affekte im Zaum halten könnte.“ Es sind starke Affekte, für die es keinen einfachen Nenner gibt. Erbitterung, Schmerz, Ohnmacht, Verwirrung, Liebe, namenlose Wut und stille Trauer, all das rumort darin. Dazu die unglückliche Geschichte des Landes wie die seiner Familie. 

Die Macht der Überlieferung

Im 14. Jahrhundert verließen seine Ur-Ahnen die einstige armenische Hauptstadt Ani, die von Erdbeben und den Raubzügen nomadischer Völker verwüstet worden war. Sie ließen sich auf der Krim nieder, der ältesten Diaspora. Um 1700 kehrten sie zurück. „Unser Zweig ging nach Kalecik bei Ankara. So hat es mir meine Großmutter Gulisar erzählt. Als Kind habe ich die meiste Zeit bei ihr verbracht.“ 

 

                                          Großmutter Gulisar in den sechziger Jahren

Sie war es auch, die ihm vom Genozid berichtete, nicht seine Eltern. „Ich war erst sieben, und sie fast achtzig. Eine verbitterte alte Frau. Sie rauchte viel dabei, und ich tat dann so, als rauchte ich mit ihr. Wohl, um sie etwas zu beruhigen.“ 

Die folgende Sequenz gibt er so eindringlich wieder, als hätte die Großmutter noch vor wenigen Stunden zu ihm gesprochen. „Dein Großvater Nerses trug den Ehrentitel Nerses Agha. Wir hatten Weinberge, Werkstätten und etliche Häuser. Eines Abends kamen vier türkische Nachbarn mit fünfzehn Pferden. Sie sagten: Morgen wird ein böser Tag – ihr solltet heute noch verschwinden. Doch er wollte uns nicht im Stich lassen. Am nächsten Morgen kamen die Häscher, verschleppten siebzehn Männer aus der Familie und erschossen sie in einer Kohlengrube, und die anderen armenischen Bewohner dazu. Nur Minas kam mit dem Leben davon. Er war dreizehn und musste alles mitansehen. 

Einer der Männer ordnete an, dass man ihn verschonen sollte, weil er noch ein halbes Kind war. Insgesamt hat dieser Mann 28 Jungen das Leben gerettet. Er stellte einen Soldaten zu ihrem Schutz ab. Auf dem Heimweg begegneten sie weiteren Männern, die sie erschießen wollten. Der Soldat sagte: Ich habe Befehl, diese Kinder zurückzubringen. Ihr könnt mich töten, aber vorher strecke ich ein paar von euch nieder. Minas kehrte ins Dorf zurück, er stand unter Schock. Sie gaben ihm das Blut junger Hunde zu trinken. Er hatte Blut gesehen, das sollte durch Blut wettgemacht werden, so wollte es ein alter Brauch.

 

                          Agavni und Jirayr Kaprielian, die Großeltern mütterlicherseits

Wir hatten dreizehn Kinder, dein Vater Geghmes war der Jüngste. Er kam auf der Straße zur Welt, als wir deportiert wurden. Wir hatten kein Wasser und nichts zu essen. Er litt an der Ruhr, ich glaubte, er würde es nicht überstehen. In der Hoffnung, dass andere sich seiner annehmen würden, wollte ich ihn aussetzen, ich musste ja noch die übrigen Kinder versorgen. Aber meine Schwägerin trug ihn, bis wir in ein kurdisches Dorf kamen, wo man ihm einen Trank aus Trauben mit viel Zucker gab. Das ist der Sohn von Nerses Agha, sagten sie. So überlebte er, acht unserer Kinder aber kamen zu Tode.“ 

Zeitlebens erfüllte Geghmes eine zehrende Trauer, seinen Vater nie gesehen zu haben. Die Überlebenden kehrten zunächst ins Dorf zurück. Eines Tages entdeckte die Großmutter den Ring von Nerses an der Hand eines Mannes. Sie wurde ohnmächtig. Im Stillen hatte sie noch immer auf ein Wunder gehofft. Einige Kaprielians traten dann gezwungenermaßen zum muslimischen Glauben über und änderten ihren Namen. Gulisar und ein paar andere zogen nach Istanbul. Wieder andere hatten nach Russland fliehen können. Zehn Jahre später kamen sie zurück, um Angehörige ausfindig zu machen und sie nach Kamtschatka zu holen, wo sie als Pelzhändler reüssiert hatten. Sie schalteten Suchanzeigen, die jedoch niemand las. Geghmes war noch ein Kind, und die Frauen lasen meist nur Türkisch.

Tag für Tag gab die Großmutter die Familiengeschichte an Hratch weiter wie ein Epos. Und trug ihm zugleich die heilige Pflicht auf, diese Untaten zu rächen. „Es hatte etwas von einer Gehirnwäsche“, urteilt er heute. „Aber meine armenische Identität verdanke ich ihr.“ Als er dann in New Jersey bei Minas arbeitete, wiederholten sich diese Szenen. Auch er schilderte Hratch, was er mitangesehen hatte. Und auch er beschwor ihn, die Toten zu rächen.

Doch kann man Böses vergelten, ohne selbst Böses zu tun? Diese Zerrissenheit begleitet ihn bis heute: ein loyaler Kaprielian sein zu wollen, ohne selbst Schuld auf sich zu laden. „Die Nachfahren von Überlebenden sind anders“, befindet er. „Das historische Erbe ist wie eine Krankheit, und vielleicht braucht es zweihundert Jahre, um davon zu genesen.“  

 

                                                       Ein Porträt von Großvater Jirayr

Sein Engagement in Armenien geschieht durchaus mit patriotischem Gestus, und manchmal kommt der draufgängerische Junge aus der Kumkapi-Clique durch. Aber er hütet sich, die Grenze zum Fanatismus zu übertreten. „Ich kann doch niemanden hassen, nur weil er Türke ist.“ Oh ja, es waren Türken, die sechzehn Männer der Familie umbrachten und Frauen und Kinder auf einen Todesmarsch schickten. Aber die Nachbarn, die mit den Pferden kamen, um Nerses Agha in Sicherheit zu bringen, der Anführer, der Minas und die anderen Jugendlichen verschonte, der Soldat, der sich schützend vor sie stellte, und die Dorfbewohner, die Geghmes den lebensrettenden Trank einflößten – auch sie waren Türken, vereinzelt auch Kurden. Sie alle bewiesen Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit.