Eine Schule, in der jedes Kind wertvoll ist

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Im Jahr 2015 bezeichnete der Global Terrorism Index Boko Haram als die tödlichste Terrorgruppe der Welt. In dieser gefährlichen Umgebung setzt sich der 60-jährige Zannah Bukar Mustapha dafür ein, einen sicheren Raum für die von Gewalt gezeichneten Kinder zu schaffen und ihnen die Zukunft zu geben, die sie verdienen.
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Im Jahr 2015 bezeichnete der Global Terrorism Index Boko Haram als die tödlichste Terrorgruppe der Welt. In dieser gefährlichen Umgebung setzt sich der 60-jährige Zannah Bukar Mustapha dafür ein, einen sicheren Raum für die von Gewalt gezeichneten Kinder zu schaffen und ihnen die Zukunft zu geben, die sie verdienen.
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Zannah Bukar Mustapha ließ seine mehr als 20 Jahre lange juristische Tätigkeit hinter sich, um sich dem Bildungsbereich zu widmen, nachdem er das Ausmaß des Schadens für die jüngste Generation der Nigerianer in der Stadt Maidugari erkannt hatte. Eine Stadt, die im Jahr 2007 zur Hochburg von Boko Haram wurde. Während die Streitkräfte der Regierung die Aufständischen bekämpften, wurden oft unschuldige Zivilisten zu Opfern, unter denen keiner mehr leiden musste als die Kinder. Viele von ihnen waren Waisenkinder und die meisten von ihnen hatten keine Hoffnung auf ein besseres Leben. „Ich hatte das Gefühl, dass wir keine Vorbilder mehr für die jüngeren Menschen waren, die zu uns aufgeschaut haben. Ich habe die vielen Kinder gesehen, die ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft durch die Straßen zogen. Das war für mich der Grund, warum ich unbedingt die Stiftung gründen musste“, erinnert sich Mustapha. „Es ging nicht einfach darum, ihnen Schutz zu geben. Das war nicht genug.“

Obwohl er nur sehr begrenzt Erfahrung in der Bildungsarbeit hatte – vor seinem Jurastudium war er Lehrer, aber das war schon viele Jahre her –, eröffnete er 2007 die Future Prowess Islamic Foundation School. Anfangs waren 36 Waisenkinder angemeldet. Im Jahr 2009 kamen die Schüler von beiden Seiten – von den Aufständischen von Boko Haram und von den von ihnen getöteten. Von Anfang an setzte sich die Einrichtung für die Zusammenarbeit mit den Witwen ein und versuchte, die von Misstrauen, Feindseligkeit und Gewalt zerrissene Gemeinschaft wieder zusammenzuführen. „Sie gründeten Kooperativen, in denen sie Unterstützung bekommen und [ihre Bemühungen] koordinieren konnten, denn eine normale Frau im Norden Nigerias wird angreifbar, sobald ihr Mann verstirbt“, erklärt der Anwalt, der zum Aktivisten wurde. Die Stiftung sorgte nicht nur für die Schulbildung der Kinder, sondern auch dafür, dass deren Müttern ein Unterstützungsnetz zur Verfügung stand, auf das sie sich verlassen konnten.

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                                                                                Schüler der Future Prowess Islamic Foundation School

„Die Kinder wurden auf die Straße geworfen, ohne dass sich jemand um sie kümmerte, also hat das meine Stiftung übernommen. Im Jahr 2009 haben wir 250 Kinder und 200 Witwen betreut, die im Stich gelassen wurden“, sagt Mustapha. Mit zunehmender Größe der Gemeinschaft hatte man immer mehr Herausforderungen zu bewältigen. Einige betrafen den Lehrplan der Schule. Die Pädagogen wollten, dass die Kinder ein breites Spektrum an Fächern lernen, auch Sprachen, die andernorts gesprochen werden, wie Englisch und Französisch. Aber einige der Witwen waren gegen diesen sogenannten „westlichen Einfluss“. Ihre Skepsis kann man besser nachvollziehen, wenn man sich vor Augen führt, dass „Boko Haram“ im Hausa-Dialekt wörtlich „westliche Bildung ist sündhaft“ bedeutet. Dem stets geschickt agierenden Verhandlungsführer Mustapha gelang es, die Ängste der Witwen zu zerstreuen und sie schließlich zu ihrer Zustimmung zu bewegen. Einige Fächer waren leichter zu vermitteln als andere. Mustapha hat beispielsweise ein hervorragendes Argument für Algebra geliefert. Wurde sie nicht von den Arabern erfunden?

 

 

Allerdings waren die schulpolitischen Aufgaben nichts im Vergleich zu den Verhandlungen über die Freilassung minderjähriger Gefangener in den Händen von Boko Haram. Im Laufe der Jahre hat Mustapha unerschrocken als Vermittler zwischen der Regierung und den Aufständischen fungiert. Er spielte eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen im Oktober 2016 und im Mai 2017, durch die 103 der von Boko Haram im April 2014 in Chibok entführten Mädchen in ihre Heimat zurückgebracht werden konnten.

Er erinnert sich an diese Tage als die erschreckendsten seines Lebens. Er beharrte darauf, sich auf sein Ziel zu konzentrieren. „Ich wollte sie holen. Ich stand vor diesen Mädchen und sagte: Ihr kommt jetzt nach Hause. Das ist das Ende eures Leidens. Und als ich sah, dass sie draußen waren, war ich einfach nur noch glücklich.“ Für diesen außergewöhnlichen Akt der Tapferkeit und für die Schaffung eines „sicheren Raums für Kinder, der auf friedlichem Zusammenleben und Gleichberechtigung der Geschlechter basiert“, wurde er 2017 mit dem Nansen-Flüchtlingspreis des UNHCR ausgezeichnet.

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                                                        Zannah Bukar Mustapha half, 82 Chibok-Mädchen im Sambisa-Wald zu befreien

Als Mustapha für die Freiheit der Mädchen kämpfte, blieb der Schulbetrieb weiter bestehen. Die Aufständischen waren gezielt gegen Bildungseinrichtungen vorgegangen, die geschlossen oder sogar niedergebrannt wurden, weil angeblich Gedankengut verbreitet hatten, das der lokalen Kultur fremd war. Die Tatsache, dass die Future Prowess Islamic Foundation School Schüler von allen Seiten aufnahm, darunter auch Unterstützer von Boko Haram, wirkte zu ihren Gunsten. Allein im Nordosten Nigerias waren über 800 Schulen betroffen, aber diese Schule hier hatte ihre Türen nie geschlossen.

„Eine unserer Stärken ist die Vielfalt. Jeder ist ein Teil davon. Niemand meint, er sei auf sich allein gestellt, er sei kein Teil von dem hier. Niemand wird ausgegrenzt oder kann sagen, dass er nicht hierher gehört“, erklärt Zannah Bukar Mustapha. Das gilt auch für die Eltern. Die Schule versucht, sie so aktiv wie möglich einzubinden, indem sie ihre Beziehung zu ihren Kindern stärkt und gleichzeitig unaufdringlich an ihrer Deradikalisierung arbeitet. „Die Witwen lernen mit ihren Kindern in den Pausen. Die Eltern sind da, und das hat einen großen Einfluss“, sagt Mustapha. Die Vielfalt spiegelt sich auch in der Geschlechterzusammensetzung der Future Prowess Islamic Foundation School wider – für diese Region hat sie einen ungewöhnlich hohen Anteil an Schülerinnen. Wie Zannah Bukar Mustapha sagt: „Dies ist eine Schule, in der jedes Kind wertvoll ist.“

Das Projekt erwies sich als so erfolgreich, dass er beschloss, eine weitere Schule für ältere Schüler zu eröffnen. Er nannte sie die Future Prowess Academy. „Wir haben ein Zentrum, in dem wir Witwen ausbilden. Es ist einfach großartig, weil Menschen, die anderen misstrauen, ihren früheren Feinden Auge in Auge gegenüberstehen. Und in zwei, drei Jahren werden sie Freunde und haben nie wieder das Gefühl, dass sich niemand für sie interessiert“, sagt Mustapha. Für eine so einfache Idee liefert das Projekt zweifellos beeindruckende Ergebnisse. Menschen, die noch vor Kurzem auf unterschiedlichen Seiten der Barrikaden waren, stehen plötzlich ihren Widersachern in einem Klassenzimmer gegenüber. Und sie kommen einfach nicht umhin, ihre Meinung zu ändern. Zannah Bukar Mustapha hat immer das Gefühl, dass er noch nicht genug getan hat und hofft, eines Tages die Future Prowess University eröffnen zu können.

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                                                                    Zannah Bukar Mustapha und der Gouverneur von Borno, Nigeria,                                                                                                                           auf der Weltkonferenz für humanitäre Hilfe in der Türkei, 2016

Sein unerschütterlicher Optimismus ist umso ermutigender, als es praktisch keine internationale Unterstützung für seine Stiftung gibt. „Es ist eine Herausforderung“, räumt Mustapha offen ein. „Wir brauchen Fürsprache; wir brauchen Programme wie unsere hier. Die Verleihung des Nansen-Preises und die Nominierung für den Aurora-Preis helfen mir, diese Herausforderung der internationalen Gemeinschaft auf globaler Ebene näher zu bringen.“

Die Parallelen zwischen der Tragödie, die zur Gründung des Aurora-Preises führte, und den jüngsten Ereignissen in Nigeria sind für ihn leicht zu erkennen: „Der Völkermord in der armenischen Geschichte ähnelt dem, was viele unserer Schüler erleben. Als ich den Anruf über die Nominierung erhielt, war ich überrascht. Zugleich bin ich sehr glücklich, mich mit Aurora identifizieren zu dürfen.“

Seine Arbeit ist gefährlich und anspruchsvoll, dennoch macht er beharrlich weiter. Das Geheimnis hinter seinem Engagement? Ein starker Glaube an die Einigkeit trotz Widrigkeiten. „Wir sind alle in der Menschheit als Einheit miteinander verbunden und können nicht ohne einander bestehen. Wir können nicht davor weglaufen. Wir müssen Opfer bringen. Wir können die Menschheit nicht so lassen, wie sie ist“, sagt Mustapha.

 

 

Foto: © UNHCR, Rahima Gambo

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Inmitten von Gewalt und Krieg bietet Zannah Bukar Mustapha nigerianischen Waisenkindern Bildung, Hoffnung und ein besseres Leben.
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