Ein Anwalt aus Myanmar, der sich als Fürsprecher für die Rohingya engagiert

German
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Trotz der insgesamt 12 Jahre, die er u. a. für friedliche Proteste und das Einreichen von Klagen im Gefängnis verbringen musste, hat U Kyaw Hla Aung niemals aufgehört, seine juristische Sachkenntnis zu nutzen, um für Millionen von Rohingya-Muslimen, die in Myanmar verfolgt werden und aus dem Land fliehen, Gerechtigkeit einzufordern. Aung sah sich sowohl mit persönlichen als auch systembedingten Herausforderungen konfrontiert, um die in seiner Heimat bedrohte Gemeinschaft zu schützen, und wurde beispielsweise auch daran gehindert, der Beerdigung seiner Tochter beizuwohnen.
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Trotz der insgesamt 12 Jahre, die er u. a. für friedliche Proteste und das Einreichen von Klagen im Gefängnis verbringen musste, hat U Kyaw Hla Aung niemals aufgehört, seine juristische Sachkenntnis zu nutzen, um für Millionen von Rohingya-Muslimen, die in Myanmar verfolgt werden und aus dem Land fliehen, Gerechtigkeit einzufordern. Aung sah sich sowohl mit persönlichen als auch systembedingten Herausforderungen konfrontiert, um die in seiner Heimat bedrohte Gemeinschaft zu schützen, und wurde beispielsweise auch daran gehindert, der Beerdigung seiner Tochter beizuwohnen.
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Die muslimische Rohingya-Gemeinschaft in Myanmar wurde erst kürzlich in internationalen Schlagzeilen als die „am härtesten verfolgte Minderheit der Welt“ bezeichnet. Seit den frühen 1980er Jahren ist der Anwalt und Menschenrechtsaktivist U Kyaw Hla Aung der harten Realität der Verfolgung dieser ethnischen Gruppe ausgesetzt. Geplagt von Diskriminierung, Korruption und gezielter Ungleichheit leidet die Rohingya-Gemeinschaft nach wie vor unter dem Würgegriff des Systems und politischer Gewalt. Ausgerüstet mit nur wenig mehr als seinen juristischen Fachkenntnissen und seiner unermüdlichen Entschlossenheit, gelang es Aung, die Ungleichheiten des Systems in Myanmar erfolgreich zu bekämpfen und seine Rohingya-Mitbrüder und -Mitschwestern bei ihrem Streben nach Gerechtigkeit zu unterstützen.

Nach 24 Jahren als Stenograf konnte Aung die rassistischen und religiösen Vorurteile gegenüber seinen Leuten nicht länger hinnehmen – staatenlos und ohne Staatsbürgerschaft in dem Land, das sie als Heimat ansahen und das nach dem Staatsbürgerschaftsgesetz von 1982 die Rohingyas nicht als eine der offiziellen ethnischen Gruppen anerkennt. Es waren diskriminierende politische Maßnahmen wie diese, die Aung dazu bewegten, die Rechte der Rohingyas zu verteidigen. Eine Entscheidung, für die er mehrmals festgenommen und inhaftiert wurde und zwischen 1986 und 2014 insgesamt mehr als 12 Jahre im Gefängnis verbrachte. Während dieser ganzen Jahre musste Aungs Familie finanziell sehr leiden. Zudem wurde er trotz wiederholter Bitten seiner Familie daran gehindert, der Trauerfeier seiner ältesten Tochter beizuwohnen. 

 

 

Heute, im Alter von 78 Jahren, hat Aung die Auswirkungen der erdrückenden Vorschriften, die der Rohingya-Gemeinschaft ständig auferlegt werden, selbst miterlebt und hautnah zu spüren bekommen. Dieser ethnischen Gruppe wird der Zugang zu Bildung und moderner Infrastruktur sowie die Reisefreiheit konsequent verwehrt. In der Folge hat man die Rohingyas vergessen, da ihre Hilferufe weitgehend ignoriert wurden.

Früher waren viele Muslime – einschließlich derjenigen, die nicht der Rohingya-Gemeinschaft angehören – in angesehenen, hohen Positionen in der Regierung, der Strafverfolgungsbehörden, dem Justizwesen, der medizinischen Fachwelt, der Wissenschaft und sogar im Militär tätig. Aber laut Aung hat die Regierung schon vor Jahren damit aufgehört, Bewerbungen von Muslimen auf diese Jobs anzunehmen und damit den Rohingyas viele Rechte und Einflussmöglichkeiten entzogen. Heute ist die Gemeinschaft ein Gefangener im eigenen Land. Ein Land, in dem sie mit Einschränkungen und Zwängen wie eingeschränkter Reisefreiheit, Beschlagnahmung von Grund und Boden, allgegenwärtiger Überwachung und Erpressung leben muss.

„Es ist sehr schwierig, geeignete Lehrer zu bekommen. Alle ausgebildeten Lehrer arbeiten für NGOs, wo sie höhere Gehälter bekommen können. Die Kommunikation ist sehr schlecht. Alle Straßen waren kaputt. Für die muslimische Region wurde keine Stromversorgung zur Verfügung gestellt, und ich konnte nicht auf meinem eigenen Grund und Boden gelangen“, erklärt Aung. „Es gab zwei Kontrollposten Wenn ich in die Innenstadt oder zur staatlichen Einwanderungsbehörde gewollt hätte, hätte ich vom Sicherheitsbüro eine Erlaubnis einholen müssen, damit die Sicherheitspolizei kommt. Wenn ich die Erlaubnis bekommen hätte, hätte ich ihnen 25.000 Kyats (19 USD) zur Deckung ihrer Fahrtkosten geben müssen.“

Aber von diesen sehr speziellen Umständen war nicht nur Aung betroffen. Fast eine Million Rohingyas sind seit den späten 1970er Jahren aus Myanmar geflohen. Viele von ihnen leben in Lagern für Binnenvertriebene (Internally Displaced Person, IDP) in Sittwe, der Hauptstadt des Rakhine-Staates in Myanmar. Dort sind die Lebensbedingungen für die Menschen noch widriger und gefährlicher.

„Die Rechte der Muslime in Sittwe wurden nach den antimuslimischen gewaltsamen Auseinandersetzungen im Jahr 2012 noch stärker eingeschränkt“, erklärt Aung. „Ich kann nicht frei arbeiten. Ich kann nicht frei reisen. Ich kann nicht offen sprechen. Bei den Behörden finde ich kein Gehör und die Regierung interessiert sich nicht für unser Leiden.“

Das ist ein Leiden, von dem viele behaupten, es wurde von der Regierung selbst ausgelöst. Regierungstruppen wurden wegen Menschenrechtsverletzungen wie Mord, Vergewaltigung, Entführung und Brandstiftung angeklagt. Vorwürfe, die die Regierung wiederholt bestreitet.

Inmitten eines solchen Chaos kann man nur schwer glauben, dass Aung seine 12 Jahre im Gefängnis wegen friedlicher und gewaltfreier Proteste absitzen musste. Seine erste Festnahme erfolgte, als die Regierung versuchte, Land der Rohingyas zu beschlagnahmen, wogegen Aung protestierte, indem er eine Klage verfasste und einreichte. Für dieses Verhalten musste er zwei Jahre ins Gefängnis, und er kam erst frei, nachdem seine Mitgefangenen während einer Massendemonstration im Jahr 1988 das Gefängnis selbst zerstörten.

Jahrzehnte und fast ein Dutzend Inhaftierungen später ist Aung nicht bereit, die Hoffnung für seine Gemeinschaft aufzugeben und setzt sich weiter unermüdlich dafür ein, die Bildungschancen für die jungen und alten Menschen seiner Gemeinschaft zu verbessern. Er ist dabei auf zahlreiche beschwerliche Hindernisse gestoßen: von den Gehältern für die Lehrer über die Möbel für die Schulen bis hin zu den grundlegenden Transportmitteln. Trotzdem bleibt er beharrlich.

Aungs Kampf für Bildung wird durch seine Vorahnung des drohenden Schadens befeuert. Der Regierung zu erlauben, den Rohingyas Bildung zu verweigern, erlaubt ihr, die Rohingyas zu diskriminieren.

„Die Behörden haben versucht, alle Muslime zu Analphabeten zu machen, damit sie noch ärmer werden. Es ist ihre Politik, die Menschen zu Analphabeten zu machen, damit sie ungebildeten Muslimen vorwerfen können, Einwanderer aus Bangladesch zu sein“, erklärt er. „(Ohne Bildung) haben die Menschen Angst, Fragen zu ihren Rechten zu stellen.“

So schwierig diese Arbeit für Aung auch ist, sie könnte für seine Familie einen noch größeren Tribut bedeuten – mit wenig Essen und ohne Unterkunft während seiner Zeit im Gefängnis. „Meine Kinder hatten nicht genug Kleidung, Bücher, andere Dinge und sogar keine Regenschirme, um zur Schule zu gehen“, erinnert er sich.

Aber die Notlage seines Volkes ist Aungs Antrieb, um seine undankbare Arbeit fortzusetzen. Für ihn ist Bildung der Schlüssel, um den Kreislauf des Missbrauchs zu durchbrechen.

„Wir brauchen in erster Linie mehr Lehrer für Bildung und auch Einrichtungen, um das Gesundheitswesen zu verbessern“, merkt Aung an. „Ohne ein gutes Gesundheitssystem könnten jedes Jahr 500 bis 1.000 Menschen sterben, ohne gute Bildung würde allerdings die gesamte Gemeinschaft binnen weniger Jahre aussterben.“

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Aung sah sich sowohl mit persönlichen als auch systembedingten Herausforderungen konfrontiert, um die in seiner Heimat bedrohte Gemeinschaft zu schützen, und wurde beispielsweise auch daran gehindert, der Beerdigung seiner Tochter beizuwohnen.
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