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Alexis Ohanian

Alexis Ohanian

„Auch wenn ich letztendlich in Brooklyn zur Welt kam, ich hätte genauso gut in Jerewan oder irgendwo in Westarmenien zur Welt kommen können.“
Das Forbes Magazine nennt Alexis Ohanian den „Bürgermeister des Internets“ und hat ihn zwei Jahre in Folge als wichtige Persönlichkeit im IT-Bereich in seine Liste der „30 Under 30“ aufgenommen. Das Wired Magazine nannte ihn den „Meister der Innovation“ und brachte 2013 eine Feature Story über ihn. 
 
„Auch wenn ich letztendlich in Brooklyn zur Welt kam, ich hätte genauso gut in Jerewan oder irgendwo in Westarmenien zur Welt kommen können. Ich will, dass mein Wissen so vielen Menschen wie möglich hilft, vor allem aber meinen armenischen Landsleuten“, sagt Ohanian.
 
Alexis Ohanian, der 32-jährige Mitbegründer von Reddit.com, einer der hundert meistbesuchten Websites der Welt, erschuf die Seite vor zehn Jahren zusammen mit seinem Mitbewohner am College. Reddit ist eine Art Schwarzes Brett im Internet und Community-Plattform, die es Nutzern ermöglicht, eigene Inhalte einzustellen: Registrierte Mitglieder können u.a. posten und verlinken, während andere Nutzer das Eingestellte durch positive oder negative Abstimmung bewerten und so die Platzierung im Ranking auf der Seite bestimmen. Unterschiedliche Themen werden in „subreddits“ untergliedert: Diese beinhalten Filme, Bücher, Nachrichten, Essen und anderes.
 
Ohanian steht auch hinter anderen erfolgreichen Projekten: Im Jahr 2010 half er beim Start der Reisewebsite Hipmunk.com und gründete noch im selben Jahr Das Kapital Capital. Das Hauptaugenmerk der Firma liegt auf der Finanzierung und Beratung von Startups. Auf der 2008 gegründeten Website Breadpig.com verkauft Ohanian ungewöhnliche Artikel und spendet die Einkünfte zu einem großen Teil für wohltätige Zwecke.
Ohanian sieht sich selbst als „Glückskind“, weil er in jungen Jahren die Ausbildung bekam, die es ihm ermöglichte, sich selbst weiterzubilden. „Einer der lohnenden Aspekte der Informationstechnologie besteht darin, dass wirklich jeder Zugang zu dem hier entstehenden Wissen hat. Ich wollte schon immer alles wissen und das war vielleicht die beste Investition für mich überhaupt.“
 
Im Jahr 2013 veröffentlichte Ohanian ein Buch mit dem Titel „Without Their Permission (Ohne ihre Erlaubnis)“ für junge Unternehmer, die an die Zukunft des Internets als Quelle der Unterhaltung, des Profits und der Unterstützung glauben.
 
Ohanian in Armenien
 
Alexis Ohanian besuchte Armenien zum ersten Mal mit der gemeinnützigen Organisation Kiva-Mikrokredite. „Ich wollte schon immer eine Verbindung zu meiner Heimat und im Jahr 2010 bot sich mir endlich die Gelegenheit, als ich mich entschloss, Reddit zu verlassen und vier Monate lang freiwillige Arbeit gemeinsam mit Kiva in Armenien zu leisten“, sagt er.
 
Alexis tat sich mit mehreren Gleichdenkenden in Armenien zusammen und organisierte die erste TEDx-Veranstaltung in Jerewan, wo berühmte Leute Ideen darüber austauschen, wie man die Welt zu einem lebenswerteren Ort machen kann. 
 

 

 

 
„Mein Vater war vor meinem ersten Besuch nie nach Armenien gereist und ich wusste im Grunde nichts über das Land, die armenische Küche als einziges vielleicht ausgenommen. Ich habe viele armenische Freunde, die mir nach ihrer Rückkehr aus Armenien erzählten, dass ihr Besuch dort ihr Leben verändert habe. Als ich zum ersten Mal den Ararat sah, schoss ich ein Foto und schickte es meinem Vater. Ich weiß, das ist inzwischen zum Cliché geworden. Eine Inspiration ist es dennoch“, erinnert sich Ohanian
Alexis und sein Vater Chris Ohanian im armenischen Etschmiadsin im April 2015.
 
Die Letzten der Ohanians
 
„In den Vereinigten Staaten ist Ohanian kein verbreiteter armenischer Name. In diesem Land ist es eine großartige Sache, armenisch-amerikanisch zu sein, aber man braucht kaum mit anderen Armeniern Umgang zu pflegen. Wenn man jedoch in Los Angeles lebt, ist das anders“, sagt Chris Ohanian, der Vater von Alexis.
 
Chris Ohanian kam im kalifornischen San Francisco zur Welt und wuchs dort auf. Die Familie seiner Mutter Elizabeth Der-Krikorian gehörte zu den vielen deportierten Familien, denen es gelang, die Türkei in Richtung des französischen Marseille zu verlassen. Später reiste Elizabeth in die Vereinigten Staaten, wo sie Alexis Großvater John Ohanian kennenlernte und heiratete.
 
„Meine Eltern waren Armenier und ich erkannte die armenische Sprache, erlernte sie aber nicht. Meine Mutter und mein Vater sprachen Armenisch miteinander, aber vor allem als Sprache, die meine Schwester und ich nicht verstanden“, erinnert sich Chris Ohanian mit einem Lächeln. „Über den Völkermord wurde bei uns nicht viel geredet, aber interessanterweise begann mein Vater mit zunehmendem Alter über seinen Vater zu sprechen. Je älter die Menschen werden, umso eher sprechen sie wohl über lange Verschwiegenes.“
 
Die Familie von Alexis Großvater John Ohanian stammt aus Kharberd, dem heutigen Elazığ in der Türkei. Johns Eltern waren infolge des Völkermordes zu Waisen geworden. Seine Mutter war auf einem der Märsche durch die Syrische Wüste. Sie verlor ihre Eltern und Geschwister, bevor es sie schließlich nach Aleppo verschlug.
 
                 Sein Vater Avedis musste den Mord an seinen Eltern mit ansehen. 
 
„Türken kamen nach Kharberd. Sie erschossen erst den Vater, dann die Mutter von Avedis, bevor sie den Jungen selbst erschießen wollten. Doch da waren zwei Türken hoch zu Ross und der eine sagte zum anderen: ‚Das ist bloß ein Junge, lasst ihn!‘ Avedis kam in ein Waisenhaus. Irgendwie gelangte er nach Amerika und ließ sich in Binghamton im Bundesstaat New York nieder, wo es eine große armenische Gemeinde gab“, sagt Chris Ohanian.

 

Aus dem Archiv der Familie Ohanian, von links nach rechts, hintere Reihe: Manzar Ohanian, Avedis Ohanian, Avedis Cousin Parsek Kachadourian. Vordere Reihe: Avedis Kinder Vera Ohanian und John Ohanian.
 
Avedis ist der einzige Überlebende aus der Familie Ohanian. In den 1920er-Jahren zog er in die Vereinigten Staaten. In einer der vielen örtlichen Zeitungen las er, dass Manzar, die Tochter seiner Nachbarn in Kharberd, in Aleppo sei. Er spürte sie auf und brachte sie in die Vereinigten Staaten. Sie heirateten und bekamen vier Kinder: Vera, John, Elsa und Mary. Avedis arbeitete 32 Jahre in einer Fabrik. Schließlich kaufte er ein Mietshaus und verdiente sein Geld als Wohnungseigentümer.
 
„Mein Großvater Avedis lernte nie Englisch, er sprach nur Armenisch. Doch er wusste, wie man hart arbeitet und Geld verdient. Er war so stolz darauf, dort sechs Tage die Woche zu arbeiten, gutes Geld zu verdienen und seine Frau und vier Kinder zu ernähren. Wir lebten in San Francisco und in den Jahren 1959 bis 1961 besuchte er uns in Kalifornien oft. Er war ein netter alter Mann, aber viel gesprochen haben wir nie. Er starb mit Mitte 70“, erinnert sich Chris Ohanian.
 
                Alexis, das einzige Kind von Chris und Anke, einer Deutschen, kam am 24. April
                zur Welt, dem Völkermordgedenktag.  
 
„Ich erinnere mich noch gut, wie aufgeregt Tante Vera war, als Alexis geboren wurde. Sie fragte immer wieder, warum es genau an diesem Tag geschehen sei und was es wohl zu bedeuten habe. Dann verstanden wir, dass wir es als Wiederauferstehung begreifen sollten“, erinnert sich Chris Ohanian. „Tante Vera zeichnete einen Familienstammbaum auf ein Blatt Papier. Ich habe es zu Hause und werde es Alexis geben.“
Drei Generationen der Familie  Ohanian: John, Alexis und Chris im Juni 2012.
 
„Armenisch zu sein bedeutet für mich Triumph. Jeder von uns, der es zu etwas bringt, ist ein Triumph angesichts des Völkermordes: Sie haben es nicht geschafft, uns auszulöschen oder uns zum Schweigen zu bringen, weshalb wir auch in Zukunft überall auf der Welt erfolgreich leben werden. Das macht mich sehr stolz“, sagt Alexis.
 
Die Geschichte wurde vom Forschungsteam der Initiative 100 LIVES verifiziert.